Aktuelles
Auf dieser Seite informieren wir Sie über aktuelle Projekte und Termine in unserer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld (EvKB):
Psychiatrisch-Psychotherapeutisches Kolloquium
Das Psychiatrisch-Psychotherapeutisches Kolloquium ist ein Fortbildungsprogramm der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel und der Klinik für Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld sowie der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaften der Universität Bielefeld. Die Veranstaltungen sind im Rahmen der „Zertifizierung der freiwilligen ärztlichen Fortbildung“ der Ärztekammer Westfalen-Lippe mit jeweils 2 Punkten (Kategorie: A) anrechenbar.
Kolloquium im Sommersemester 2012
Schwerpunktthema: nicht-affektive Psychosen
Zeit: Mittwoch, 16:00 bis 18:00 Uhr
Ort: Haus Gilead IV | Konferenzraum I | Remterweg 69/71 | 33617 Bielefeld
| 18.04. | Früherkennung von Psychosen im jungen Erwachsenenalter - das Gesundheitsnetz in Hamburg | Prof. Lambert, Uni Hamburg |
| 25.04. | Patientenverfügungen bei psychischen Erkrankungen – Möglichkeiten und Grenzen aus medizinethischer Sicht | Prof. Vollmann, Uni Bochum |
| 02.05. | Integrierte neuro-kognitive Therapie (INT) für schizophren Erkrankte: Ergebnisse einer Multicenterstudie | PD Dr. Müller, Uni Bern |
| 09.05. | Pathogenese komorbider Zwangssyndrome bei schizophrenen Psychosen | Prof. Zink, ZI Mannheim |
| 23.05. | Neurobiologie der Schizophrenie | Prof. Falkai, Uni Göttingen |
| 30.05. | Psychose und Sucht | Prof. Schnell, Medical School Hamburg |
| 13.06. | VERANSTALTUNG FÄLLT AUS! Hat sich die soziale Integration schizophren Erkrankter in den letzten Jahren verschlechtert? | Prof. Eikelmann, Städt. Klinikum Karlsruhe |
| 20.06. | Behandlung der therapieresistenten Schizophrenie | Prof. Leucht, TU München |
| 27.06. | Evidenzbasierte Psychotherapie bei psychotischen Störungen | Prof. Klingberg, Uni Tübingen |
| 04.07. | Frühes Trauma und Psychose | PD Dr. Schäfer, Uni Hamburg |
| 11.07. | Gewalttätigkeit bei schizophrenen Patienten – Gefahr und Rückfallgefahr | Prof. Nedopil, LMU München |
Das Programm können Sie hier herunterladen:
Psychiatrisch-Psychotherapeutisches Kolloquium Sommersemester 2012 (PDF, 17 KB)
Neurozentrum Bethel - Fortbildungsprogramm 2011/2012
Die Termine des Neurozentrums Bethel finden Sie im Terminkalender für Fachkreise. Auch können Informationen zum Programm des Neurozentrums 2011/2012 die Termine hier heruntergeladen werden:
Fortbildungsprogramm Neurozentrum Bethel 2011/2012 (PDF, 243 KB)
Nikotinentwöhnungskurse 2012 in der Tagesklinik für Abhängigkeitserkrankungen
Damit es im Jahr 2012 nicht nur bei guten Vorsätzen bleibt, bietet die Tagesklinik für Abhängigkeitserkrankungen wieder Nikotinentwöhnungskurse zu folgenden Terminen an:
Jeweils dienstags von 16:30 bis 18:00 Uhr:
- 24.01. bis 21.02.2012
- 13.03. bis 10.04.2012
- 08.05. bis 05.06.2012
- 26.06. bis 24.07.2012
- 04.09. bis 02.10.2012
- 23.10. bis 20.11.2012
Anmeldungen über die Tagesklinik für Abhängigkeitserkrankungen
Tel.: 05 21 - 772 7 87 55
(montags bis donnerstags von 7:00 bis 13:00 Uhr)
7. Dreiländerkongress Pflege in der Psychiatrie
Zum dritten Mal nach 2004 und 2007 traf sich die Psychiatrische Pflegewelt vom 28. bis 29. Oktober 2010 in Bielefeld. Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel waren gerne erneut Gastgeber dieser mittlerweile aus der Fachwelt nicht mehr wegzudenkenden, gut gelungenen Veranstaltung, die in diesem Jahr zum Thema "Depressivität und Suizidalität: Prävention - Früherkennung- Selbsthilfe" abgehalten wurde.
Den Kongressband zur Veranstaltung können Sie hier herunterladen:
Wo familiäre Betreuung an ihre Grenzen stößt
25 Jahre Tagespflege an der Moltkestraße
Vom Modellversuch zur Institution: Vor 25 Jahren ging in Bielefeld die landesweit erste Einrichtung für gerontopsychiatrische Tagespflege an den Start. In dieser speziellen Einrichtung des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld (EvKB) werden Senioren mit psychischen Erkrankungen betreut.

- Klaus Weichert bringt seine Frau Edelgard (Mitte) zweimal wöchentlich in die Gerontopsychiatrische Tagespflege. Links: Erzieherin Jeanette Lösing
Es ist gegen neun, als Klaus und Edelgard Weichert an der Moltkestraße in Bielefeld vorfahren. Noch zeichnet sich der Atem durch Dampf vor Mund und Nase ab. Erste schwache Sonnenstrahlen beginnen zwar die Kälte zu durchbrechen, doch die Häuser an der Straße verhindern, dass die Sonne den Bürgersteig erreicht. Klaus Weichert steigt zuerst aus dem Auto. Seiner Frau muss er behilflich sein. Er führt sie einige Schritte durch die schattige Kälte zu einem Hauseingang. Eine automatische Tür schwingt mit einem Summgeräusch auf. Nun wird es warm. Das Ehepaar steigt in einen Fahrstuhl, um den nächsten Stock nicht über die Treppe erklimmen zu müssen. Als sich die Fahrstuhltür wieder öffnet, werden sie von einer Frau empfangen. Die Frau kennt die Weicherts, doch Edelgard Weichert kann ihr Gegenüber nicht sofort einordnen. Es handelt sich um eine Pflegerin, die sie am Arm in eine große Küche führt. Edelgard Weichert hat Demenz. Die 72-Jährige kam vor einem Jahr erstmals in die Gerontopsychiatrische Tagespflege, eine Einrichtung des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld (EvKB).
Edelgard Weichert spricht äußerst wenig. Ihr Blick ist häufig nach unten gerichtet. Auch wenn sie am Geschehen um sie herum Anteil nimmt, kann sie es nicht immer zeigen. Gestik und Mimik vermitteln Abwesenheit. Nur schwer durchdringt ihr Mann einen unsichtbaren Schleier, der seine Frau zu umgeben scheint und sie von der Außenwelt abschließt. Er stupst sie sanft an, spricht betont in ihre Richtung. Dann scheint es, als erwache Edelgard Weichert für kurze Zeit aus einem Dämmerschlaf und reagiert nun auf das, was ihr Mann zu ihr sagt. Während sie in der Küche ein zweites Frühstück bekommt, erzählt ihr Mann, welche Entwicklung der Gesundheitszustand seiner Frau, ihre gemeinsame Ehe und auch sein persönliches Leben genommen haben: „Vor ungefähr sieben Jahren fing es an“, beginnt er. „Meine Frau wurde zunehmend streitsüchtig und auch vergesslich.“ Er ging mit seiner Frau zum Hausarzt, dann zum Neurologen. „Der fragte meine Frau zum Beispiel nach dem Namen der Bundeskanzlerin.“ Es folgte ein zehntägiger klinischer Aufenthalt und eine Diagnose: „Demenz, und es geht Richtung Alzheimer.“
Demenz ist schneller als wir
Edelgard Weichert versuchte, ihre Selbstständigkeit zu erhalten, doch die Krankheit ließ es nicht zu. Ihr Mann beantragte Pflegegeld, doch es wurde keine Pflegestufe festgestellt, lediglich Betreuungsgeld bewilligt. „Ich habe mich dann an Bethel gewandt. Das wollte ich von vornherein, weil dort alles angeboten wird. Zuerst gab es eine zusätzliche Betreuungsleistung. Eine ganz liebe Frau mit sehr viel Einfühlungsvermögen kam zweimal in der Woche.“ Diese Frau ging mit ihr zum Beispiel in den Tierpark nach Olderdissen, backte Plätzchen mit ihr oder sah sich mit ihr alte Fotoalben an. Doch es sollte sich herausstellen, dass es sich hierbei um keine Dauerlösung handeln konnte. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich. Birgit Vogl, Leiterin der Tagespflege im Gerontopsychiatrischen Zentrum in der Moltkestraße, kennt Enttäuschungen wie diese: „Demenzerkrankungen haben die Eigenschaft, schneller zu sein als wir. Haben wir uns gerade auf einen Zustand eingestellt und uns an ihn gewöhnt, wirft die fortschreitende Demenz wieder alles über den Haufen.“
Als Klaus Weichert erneut die Pflegestufe beantragte, kam ein Arzt in die Wohnung, in der das Ehepaar seit mittlerweile 38 Jahren wohnt. Seine Frau konnte sich auch in der vertrauten Umgebung nicht orientieren, fand das Badezimmer nicht. Nun wurde Pflegestufe zwei bewilligt, was finanziell die Möglichkeit eröffnete, die Tagespflege zu nutzen. Dabei handelt es sich um ein Angebot, das in Nordrhein-Westfalen in diesen Tagen 25-jähriges Jubiläum feiert. „Damals, am 1. Dezember 1986, startete unsere Tagespflege als Modellversuch. Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel hatten festgestellt, dass es eine Versorgungslücke für psychisch erkrankte Altgewordene gab. Vom Familienministerium NRW bekamen wir den Auftrag, in einem dreijährigen Modellversuch herauszufinden, ob durch Tagespflege einerseits Heimaufenthalte, andererseits Klinikaufenthalte verhindert werden können“, erzählt Birgit Vogl. Gerade einmal 20 DM kostete das Angebot jeden Besucher pro Tag. Nach drei Jahren ging der Versuch in den Regelbetrieb über, der nun 76 DM pro Tag kostete. Heute betragen die Kosten der Tagespflege in der Moltkestraße 47,59 Euro am Tag, plus eventuell anfallende Fahrtkosten und Kosten für Unterkunft und Verpflegung. „Durch die Pflegeversicherung, die 1995 eingeführt wurde, wurde der Zugang zur Tagespflege sehr erleichtert“, weiß Birgit Vogl. Auch die Nachfrage erwies sich als groß. Daher gibt es mittlerweile zehn Einrichtungen in Bielefeld, die Tagespflege anbieten.
Die Grenzen des Leistbaren
Für Klaus Weichert stellte die Tagespflege einen Wendepunkt in der Entwicklung der letzten Jahre dar. „In den Stunden, in denen meine Frau nun betreut wird, kann ich zum Beispiel zum Friseur gehen, zum Arzt, oder mir persönliche Wünsche erfüllen“, sagt der 75-Jährige. Sein soziales Umfeld hat ihn darin bestärkt, die Tagespflege in Anspruch zu nehmen. „Klaus, Du brauchst doch auch Dein eigenes Leben“, sagten Freunde zu ihm. „Am wichtigsten war es aber für mich, dass meine Frau verstanden hat, warum ich sie an zwei Tagen in der Woche weggeben muss. Ich kann einfach nicht mehr leisten.“ Weggeben – ein Wort, das hart und endgültig klingt. Doch endgültig ist es in der Tagespflege keineswegs. Von Morgens um neun bis nachmittags um halb vier – für ein eigenes Leben sind das nur wenige wertvolle Stunden.
Während Edelgard Weichert im Nachbarraum Kaffee trinkt, erreicht sie nicht, dass ihr Mann innerlich aufgewühlt ist: „Für mich als Angehöriger hat sich so vieles verändert“, berichtet er. „Bei einer solchen Diagnose steht zum einen die Krankheit ständig im Mittelpunkt. Ich fühle in jeder Minute, dass meine Frau vielleicht meine Hilfe benötigt, das ist eine große Belastung.“ Außerdem wurde die Aufgabenverteilung im Haushalt völlig über den Haufen geworfen. „Ich mache alles“, berichtet der 75-Jährige, „Waschen, Bügeln, Putzen und dazu kommen dann tagsüber die Aufgaben der Pflege…“ Zweimal täglich kommt der ambulante Dienst zu den Weicherts. Morgens hilft ihm das ambulante Pflegepersonal, seiner Frau aus dem Bett zu helfen und geht ihr bei der Morgentoilette zur Hand, abends kommt der Dienst noch einmal für die Abendtoilette. Doch Klaus Weichert weiß, dass er seine Frau auch mit Hilfe des ambulanten Dienstes und der Tagespflege nicht weiter zu Hause betreuen können wird, sollte die Krankheit sie überwiegend zum Liegen zwingen.
Keine Therapie – eher ein schöner Tag

- Leichte Sitzgymnastik in der Morgenrunde dient der Koordination und auch der Sturzprävention.
Inzwischen sind weitere Besucher der Tagespflege eingetroffen. Das Wort Patienten wird hier nicht gebraucht, denn wer hierhin kommt, ist zwar alt und leidet an einer Erkrankung, diese wurde jedoch in den meisten Fällen durch Ärzte austherapiert und steht in der Tagespflege nicht im Vordergrund. „Es ist unser Konzept, eben nicht zu therapieren, sondern im Bereich des Möglichen einen schönen Tag zu bieten“, erklärt Jeanette Lösing, Erzieherin in der Tagespflege. „18 Personen betreut unsere Einrichtung bei Überbelegung am Tag, ansonsten ist 16 das Maximum. Insgesamt haben wir 28 Besucher“, sagt Birgit Vogl. Fünf kommen täglich, neun - darunter ist auch Edelgard Weichert - sind zwei Mal pro Woche in der Moltkestraße. „Nicht nur demenziell erkrankte Senioren werden hier betreut, sondern auch Senioren mit Depressionen, Psychosen oder einer Suchterkrankung“, zählt der stellvertretende Leiter der Einrichtung, Johannes Gärtner, auf. Entsprechend dieser Krankheitsbilder ist die Gerontopsychiatrische Tagespflege in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im EvKB eingebunden. Bei 21 der 28 Besucher handelt es sich um Frauen. „Es ist eine Nachwirkung des zweiten Weltkriegs“, erklärt Birgit Vogl das statistische Übergewicht. „Früher waren lediglich vier bis fünf Männer hier. Dieser Anteil steigt, denn jetzt kommen mehr und mehr die Jahrgänge, die nicht im Krieg gefallen, sondern im oder nach dem Krieg geboren wurden.“ Gesundheits- und Krankenpfleger Christoph Barann hat ein zusätzliches Phänomen ausgemacht: „Wir betreuen hier Menschen über zwei Generationen“, beschreibt er. „Unser ältester Besucher ist über 90, unsere jüngste Besucherin 62 Jahre. Das könnten vom Altersunterschied gesehen Vater und Tochter sein.“ Was im Dialog mit den Besuchern herauskommt, findet er besonders interessant: „Wenn Sie einen von den älteren unserer Besucher nach seinen Hobbies fragen, sagt der, dass er gar nicht wisse, was ein Hobby überhaupt ist. Fragen sie aber einen in den 40er Jahren Geborenen, war der vielleicht Vereinsvorsitzender oder kann Fußball oder Tennis spielen.“
Birgit Vogl sieht auch die Vielschichtigkeit der Gruppe positiv. „Dadurch können Besucher anderen Besuchern helfen, was ihnen Bestätigung und Erfolgserlebnisse einbringt. Manche profitieren in der Tat davon, dass andere in ihren Fähigkeiten eingeschränkt sind.“ Erlebbar wird dies schon kurze Zeit später. Edelgard Weichert fragt plötzlich aufgeregt nach ihrem Mann. Hätte er sie nicht abholen müssen? Eine Besucherin nimmt sich ihr an, streicht ihr über die Wange und sagt mit tiefer, beruhigender Stimme: „Dein Mann kommt doch erst um halb vier – er hat Dich nicht vergessen.“ Kurz ist der Frau ein gewisser Stolz anzumerken, Stolz darauf, dass sie helfen konnte. Auch am Kleidungsstil macht sich das vielschichtige Klientel fest. Manche Besucher kommen in schlichter Strickweste. Manch älterer Herr hingegen trägt Hemd und Krawatte, manche Besucherin eine stilsichere Bluse. „Wenn man in einem Alter ist, in dem die zwei Tage in der Tagespflege die einzigen sind, in denen man ‚ausgeht’, dann wird das zu so etwas wie einem gesellschaftlichen Erlebnis“, meint Christoph Barann.
Jeder nach seinen Möglichkeiten
Nach dem zweiten Frühstück wird eine sogenannte Morgenrunde abgehalten. Nicht alle Besucher nehmen daran teil. Während viele von ihnen gerne von der Gruppe profitieren, halten sich andere lieber dem Trubel fern. Da in der Morgenrunde viele Besucher von einer Mitarbeiterin betreut werden, können sich die übrigen Mitarbeiter in dieser Zeit um die Besucher kümmern, die einen intensiveren Kontakt benötigen oder gerade viel mehr die Ruhe schätzen, wie zum Beispiel Edelgard Weichert. Auf individuelle Bedürfnisse einzugehen scheint im Tagespflegealltag unausweichlich, das Motto „jeder nach seinen Möglichkeiten“ scheint allen Mitarbeitern vor Augen. Wie selbstverständlich gehen sie auf die Besucher ein, wissen um deren persönliche, gesundheitliche und psychische Situation. Sie wissen, ob die Angehörigen einer Besucherin neue Hosen mitgegeben haben, messen die Vitalzeichen und kümmern sich bei einzelnen Besuchern um Diabetes.
Die Morgenrunde übernimmt Marita Menebröcker, 13 Besucher sitzen in einem Stuhlkreis. Die Gesundheits- und Krankenpflegerin beginnt mit leichter Sitzgymnastik und Musik. „Wir wollen die Muskulatur trainieren, da Menschen in diesem Alter viel sitzen. Die Übungen fördern die Durchblutung, die Koordination und dienen damit auch der Sturzprävention“, erklärt sie. Auf der Stereoanlage liegen CDs von „Deutsche Volkslieder“ über „Schlagerparade 1938“, „Die beliebtesten Schlagerstars und ihre größten Hits der 50er Jahre“ bis hin zu James Last. Marita Menebröcker legt entspannende Musik auf, nichts, was besondere Energien freisetzen oder mehr Leistung herauskitzeln soll, wie Trainer im Fitnessstudio es vielleicht täten. Zu einem Stück auf der Panflöte kreisen nun Arme, werden mit getrockneten Erbsen gefüllte Säckchen in die Luft geworfen und wieder aufgefangen, Beine strecken sich in die Mitte des Stuhlkreises und das Körpergewicht wird von einer Seite auf die andere verlagert. Für diejenigen, die mit dem Säckchen in einen Eimer treffen, ist das ein kleiner morgendlicher Triumph. „Du hast wohl heimlich trainiert“, ruft ein über 90-Jähriger ironisch einem anderen Besucher zu. Der Humor in der Runde lässt stets erahnen, wie bewusst den Bewohnern ihr Alter, ihr körperlicher Zustand und auch ihr Lebensabschnitt ist.
Marita Menebröcker holt die aktuelle Ausgabe der Neuen Westfälischen. Es sind eher die seichten Themen, die sie daraus anspricht: Das Fußballspiel Deutschland gegen die Niederlande, ein historischer Fund in Detmold, die Gottschalk-Nachfolge bei „Wetten dass..?“. Eine Geschichte eignet sich besonders für das, was die Pflegerin bezwecken will: im Gedächtnis zu kramen und zu wühlen und daraus eine Diskussion zu entwickeln. „Telefonieren im 19. Jahrhundert steht hier. Wer kennt noch das Telefonieren mit dem Weckruf beim Amt?“, will sie wissen. Und bei manchen klingelt es dabei in der Tat. „Ja klar, da war ich noch so!“, ruft der über 90-Jährige, und beschreibt in Hüfthöhe eine kantige Bewegung mit der Hand.
Selbstständigkeit erhalten

- Für Irmgard Prüfer ermöglicht der Marktbesuch, einen Teil der Selbstständigkeit zu behalten.
Zum Abschluss der Morgenrunde gibt Marita Menebröcker den Besuchern noch einmal Orientierung. Sie sagt Wochentag und Datum und kündigt den weiteren Tagesablauf an. Es ist ein Mittwoch und mittwochs steht eine Außenaktivität auf dem Programm. Sechs Besucher nutzen die Gelegenheit, zum Markt auf dem Bielefelder Siegfriedplatz zu fahren. An anderen Tagen gibt es musiktherapeutisches Programm, Spaziergänge, Museumsbesuche, Kochen oder Raum für kreative Gestaltung. Für Edelgard Weichert stellt ein Marktbesuch dagegen eher eine Belastung dar. Einsteigen in einen Bulli, aussteigen und sich auf dem Markt auf den Beinen halten – hierfür wäre eine Eins-zu-eins-Betreuung notwendig. Sie bleibt lieber in der Moltkestraße.
Während der Fahrt zum Markt ist die Stimmung bei den Teilnehmern ausgezeichnet. Dennoch oder gerade deswegen spricht sich Jeanette Lösing gegen eine vormittägliche Sangesrunde aus, die auf den Rücksitzen ihre Eigendynamik zu entwickeln beginnt. „Es ist eine hohe Kunst in diesem Beruf, Fingerspitzengefühl für die Stimmungslage zu entwickeln“, sagt sie. „Mal gilt es, gute Stimmung zu fördern, mal aber auch, Reizüberflutung zu verhindern. Dafür gibt es keine Regeln, das gilt jeden Tag wieder neu.“ Aus dem Bulli ausgestiegen sind schnell und ohne Absprachen Grüppchen gebildet, die sich auf dem Markt selbstständig machen. Ein Senior schlägt jedes Mal allein den Weg zum Fleischer ein, bei dem er sich jede Woche zwei Krakauer heiß machen lässt. Irmgard Prüfer und Waltraud Szameitat schlendern mit Jeanette Lösing zum Gemüsestand und kaufen Kartoffeln, „aber nur die kleinen, die man nicht schälen muss und die zum Heringstipp so gut schmecken“, berichtet Irmgard Prüfer. Durch den Marktbesuch kann sie kleine Facetten ihrer Selbstständigkeit erhalten.
Das Tagesprogramm ist straff. Schon 45 Minuten nach der Ankunft bewegt sich der Bulli wieder Richtung Moltkestraße, schließlich müssen sich alle sowohl nach den müden Beinen als auch nach der Essenszeit richten. Bei der Ankunft stellen die Marktbesucher fest, dass auch die übrigen Bewohner nicht untätig waren. Ein angefangenes Halma-Spiel und „Mensch ärgere Dich nicht!“ stehen auf zwei Tischen. „Bei uns passieren viele Dinge parallel“, verrät Jeanette Lösing. Auch das Mittagessen wurde in der Zwischenzeit angerichtet. Es kommt aus der Bergküche in Bethel. Heute stehen Nudeln mit Rindergeschnetzeltem „asiatisch“ auf dem Plan, dazu Chinakohlsalat und Pflaumen. Eingedeckt hat ein Besucher. Er fühlt sich für die Küche verantwortlich, betrachtet sie als sein Refugium. Eindecken, abräumen, Tische abwischen, Abwasch und bereits für das Kaffeetrinken eindecken – „Bloß nicht Einmischen“ lautet ein wohlgemeinter Rat des Personals.
Gustaf Gründgens versus Götz George
Dem Essen folgt eine ausgiebige Mittagsruhe. Wie bei einer Decke, die sich über das Geschehen legt, wird es in kurzer Zeit in allen Räumen spürbar ruhiger und schwerer. Wer in dieser Stunde durch die Einrichtung wandelt, sieht schlafende Besucher, die sich in unterschiedliche Ecken zurückgezogen haben. Eine Frau schläft auf einer Bank inmitten der Mitarbeiter, andere halten sitzend ein Nickerchen mit einer Wolldecke über den Knien, wieder andere haben sich einen Platz auf einem Sofa gesichert. Das Interieur, das dieses Bild vervollkommnet, lädt zum Schwelgen ein: Die Wände sind mehr als drei Meter hoch, an einer Stelle wurde eine Kassettendecke eingezogen. Mehrere Kachelöfen unterschiedlicher Formen und Farben sind leider nur Blickfänger und geben keine Ofenwärme. Ein Essen-Aufzug, der das Untergeschoss anbindet, lässt vermuten, wo sich früher einmal die Küche befand. Der Boden sowie die Wände des Treppenhauses sind im Stil vergangener Zeiten gekachelt und ein hölzerner Einbauschrank lässt keinen Zweifel daran, dass es sich um eine Spezialanfertigung aus Handarbeit handelt. „Dieses Haus wird ihrem Klientel gerecht“, sagt Leiterin Birgit Vogl. „Und Besucher, die früher nicht in einem solchen Haus gewohnt haben, fühlen sich aufgewertet.“
Für die Nachmittagsrunde hat Gesundheits- und Krankenpfleger Christoph Barann sich eine Gruppenaktivität ausgedacht: Stadt, Land, Fluss mit besonderen Erweiterungen. Von den Besuchern will er für den jeweils ausgesuchten Anfangsbuchstaben auch einen Käse, eine Wurst, ein Gewürz sowie den Nachnamen eines Prominenten wissen. „Gründgens, Gustaf Gründgens“, kommt es aus der einen Ecke. „Der war Schauspieler.“ „Götz George!“, kommt es von einer anderen Seite. Wieder werden die Generationen in der Gruppe erlebbar. Christoph Barann ist vor allem froh darüber, die Gruppe animieren zu können. Und die Gruppe dankt ihm seine gute Laune mit guter Stimmung.

- Edelgard Weichert wird nachmittags von ihrem Mann abgeholt.
Als gegen halb vier Klaus Weichert seine Frau abholt, ist spürbar, dass ihn das Gespräch am Morgen gedanklich über den Tag begleitet hat. „In vielerlei Hinsicht hat meine Frau es hier besser“, sagt er. „Bei all dem, was zu Hause zusätzlich getan werden muss, könnte ich ihr an individueller Zuwendung und Förderung gar nicht bieten, was hier geleistet wird.“

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