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Meine Niere für den Zwillingsbruder – der besondere Fall einer Organspende
Die 1970 geborenen eineiigen Zwillinge Matthias und Christian Bergmann aus Aschaffenburg teilen sich in jungen Jahren das Zimmer, die Klamotten und den Musikgeschmack. So weit, so normal. Besonders ist hingegen, dass Christian seinem Bruder Matthias im Alter von 18 Jahren eine Niere gespendet hat. Davon erzählt der Dokumentarfilm „Die Bergmanns“ der aus Brockhagen stammende Filmemacherin Susanne Hensdiek. Rund 100 Menschen waren der Einladung des Evangelischen Klinikums Bethel (EvKB) zum Klinikforum Spezial mit dem Titel „Der schuldet mir gar nichts.–Ein Abend über Organspende, Vertrauen und das Leben danach“ gefolgt und sahen das beim Filmfest Bremen 2023 mehrfach ausgezeichnete Werk.
Dr. Friedhelm Bach (EvKB), Filmemacherin Susanne Hensdiek,Organempfänger Matthias Bergmann, Dr. Mariam Abu-Tair (EvKB), Organspender Christian Bergmann und Moderator Martin Fröhlich (v. l.).
Grenzenlose Geschwisterliebe
Im Film erklärt Christian Bergmann: „Matthias ist der Erst geborene und war von Anfang an etwas schwächlicher, kränklicher und kleiner.“ Matthias Bergmann blickt seinen Bruder an und neckt: „Du hast mich oft verarscht, weil ich erst viel später Fahrradfahren, die Schuhe zubinden oder die Uhr lesen konnte.“ Sein Lachen spiegelt sich auf eine Weise im Gesicht des Bruders, wie es das wohl nur bei Zwillingen gibt. Sie erzählen von Raufereien, identischen Fliegenpilzkostümen zu Karneval und davon, wie der Kickstarter des „80er“-Motorrads beim Zurückschnellen das Schienbein von Matthias brach.
Im Krankenhaus wurde bei den Untersuchungen festgestellt, dass seine Nieren wohl als Folge einer Ohrenentzündung im Alter von vier Jahren versagt haben. „Ein Arzt hat zu uns gesagt, dass sie keine Ahnung haben, warum Matthias noch lebt“, erinnert sich Christian. Es folgte die Tortur der Dialyse für Matthias–und eine Entscheidung für Christian, die eigentlich keine war. Es sei der Familie und auch ihm klar gewesen, dass er seinem Zwillingsbruder eine Niere spendet. Erwartungen verband Christian damit keine an seinen Bruder. „Der schuldet mir gar nichts.“ Das „Puzzleteil, das rein passt“ wurde als Lebendspende in einer rund achtstündigen Operation mithilfe eines großen, internationalen Ärzteteams 1989 erfolgreich transplantiert.
Enorme medizinische Fortschritte
Mit einemherzlichen Applaus wurden Protagonisten und Filmemacherin anschließend auf der Bühne empfangen, um dort mit dem Transplantationsbeauftragten Dr. Friedhelm Bach und der Leiterinder Abteilung für Nephrologie und Diabetologie Dr. Mariam Abu-Tair aus dem EvKB ins Gespräch zu kommen.
Dr. Mariam Abu-Tair erklärte, dass es immer wieder Organe gebe, die so gut angenommen würden, dass sie auch drei Jahrzehnte halten“. Der Durch schnitt liege bei zehn bis 15 Jahren. „Matthias hat ein optimales Organ von seinem Zwilling bekommen. Aber ich sehe auch einige Patienten, die Organe von Fremden bekommen haben, die ebenso lange halten“, berichtete sie.
Durch wirksame Medikamente wie Immunsuppressiva, die eine Abstoßungsreaktion verhindern, und die medizinische Entwicklung sei es heute auch kein Muss mehr, dass die Blutgruppen von Spender und Empfänger übereinstimmten. Dr. Friedhelm Bach ergänzte, dass Organe nach der Entnahme anstelle einer früher üblichen Lagerung auf Eis heute teilweise durch eine so genannte Maschinenperfusion mit Nährlösung oder Blut durchspült und mit Sauerstoff versorgt werden. „Das erhöht die Lebensdauer der Organe und kommt den Empfängern zugute.“
Neue Nachsorgeregelungen Während Christian Bergmann nach der Entnahme der Niere Ende der 1980er Jahre keine Nachsorge erfahren hat, zeichnete Dr. Mariam Abu-Tair ein ganz anderes aktuelles Bild. „Heute gibt es strukturierte Nachsorgeprogramme der Transplantationszentren die auch niedergelassene Nephrologen einschließen.“ Denn für die Spender sei es wichtig, etwaige Risiken wie Bluthochdruck oder Diabetes im Blick zu behalten, damit sie mit einer Niere genauso gesund blieben und älter würden wie Menschen mit zwei Nieren.
Warten auf die Widerspruchslösung
Moderator Martin Fröhlich thematisierte auch die Rahmenbedingungen für die Organspende hierzulande. Rund 9.000 Menschen stünden permanent auf den Wartelisten. Dialysepatienten warteten beispielsweise im Schnitt acht Jahre auf eine Spenderniere, viele würden sich mit dieser Perspektive selbst von der Warteliste nehmen.
Während in Deutschland weiterhin die Zustimmung zur Organentnahme notwendig sei, sei in vielen Nachbarländern bereits eine Widerspruchslösung etabliert. Hier soll zu Lebzeiten die Zustimmung oder Ablehnung zu einer möglichen Organspende dokumentiert werden. „Die Widerspruchslösung als EU-weite und einheitliche Form wäre wünschenswert“, erklärte Dr. Friedhelm Bach mit Blick auf aktuelle politische Debatten. Die Mediziner aus dem EvKB untermauerten, dass bei einer Widerspruchslösung die Entscheidungsmöglichkeit bestehen bleibe und niemand Organspender werden müsse. „Ich finde es wichtig, sich einmal mit dem Thema beschäftigt, eine Entscheidung getroffen und diese in der Familie besprochen zu haben“, sagte Dr. Mariam Abu-Tair. Sie betonte, dass jeder in die Situation kommen könnte, auf die Organspende eines anderen Menschen angewiesen zu sein. Dr. Friedhelm Bach ergänzte, dass es derzeit häufig die Angehörigen seien, die nach dem Tod eines geliebten Menschen diese schwere Entscheidung treffen müssten. „Eine Auswertung der Unikliniken in NRW hat ergeben, dass in dem Untersuchungszeitraum bei nur 14 Prozent der möglichen Organ-Spender eine schriftliche Äußerung zur Organspende vorlag. Das heißt, in allen anderen Fällen mussten die Angehörigen gemäß dem mutmaßlichen Willen der Verstorbenen oder nach ihrem eignen Ermessen eine Entscheidung treffen.“
Mehr Früherkennung, mehr Transplantationen
Mit Blick auf die Niere fasste Dr. Abu-Tair zusammen: „Alle 20 Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an einer Nierenerkrankung.“ Bereits der Schritt an die Dialyse könne durch Früherkennung von Nierenschäden durch geeignete Screenings wie auf Albumin im Urin und einer Kreatininbestimmung oftmals verhindert werden. Und: „Wenn die Menschen an der Dialyse sind, sollte mehr transplantiert werden.“